Deine kleine Bitte

Rococo - Strumpfhalter von Ravage


Sein Wagen steht schon vor der Tür.
Ungewöhnlich für diese Zeit.
Ungewöhnlich genug, um mich neugierig zu machen.
Schon im Eingang riecht es wunderbar.
Er kocht.
Der Tisch ist fein gedeckt.

Er überrascht mich aus einem Versteck.
Drückt mich, liebkost mich, der Schreck verfliegt.
Seine Augen glänzen,
sie haben dieses wunderbare Lachen.
Diese Augen zaubern,
wandeln Gefühle zur Glückseligkeit.
Seine Nase stubst meine Nase,
einmal, zweimal und noch einmal.
Ein Kuss, ganz lieb, zärtlich.
Finger spielen an meinen Ohren,
spielen genau da,
wo jede Berührung Explosionen zündet.

Dann die kleine Bitte.
Die Worte sind die ersten an diesem Abend:
Ziehst du dich um?
Der Code. Unsere Sprache, unsere Signale für Wünsche.
Ich nicke stumm.
Sehe das Feuerwerk in seinen Augen.
Empfange seinen sanften Kuß.

Duschen, die Lieblingscreme, etwas Make-up.
Schon dabei durchwühle ich in den Gedanken den Kleiderschrank.
Schwarzes, das Rote, oder lieber weiß?
Schubladen auf, Schubladen zu.
Der Blick in den Schrank.
Und wie ein Blitz durchzucken mich Erinnerungen.
Erinnerungen an den Beginn einer dürsteren Zeit.

Er hatte den gleichen Fetisch wie du.
Sündhaft teure, elegante Dessous.
Er hatte in mir eine Leidenschaft geweckt.
Eine Leidenschaft für elegante Kleidung.
Er hat mich in den Abgrund fallen lassen.
Du hast mich knapp über den Boden aufgefangen.

Ich traf ihn abends auf einer Veranstaltung. In all den wichtigen Leuten stand er mittendrin. Selbstbewußt, selbstsicher, charmant, redend, plaudernd, diskutierend, philosophierend. In Sekunden hatte ich mich verloren. Er sprach mit mir, flirtete mit mir, küsste mich, verführte mich.

Tagelang glaubte ich mich in einer eigenen Umlaufbahn um die Sonne. Er führte mich aus, zeigte mir die Gesellschaft, zeigte mir die Welt. Er hüllte mich in wunderschöne Kleider, für darunter wollte er nur das Eleganteste, nur das Verführerischte. Er machte mich zu einer Prinzessin.

Das glaubte ich zumindest. Das glaubte ich bis zu jenem Abend, an dessem Ende die Erde unter mir entglitt.
Ein wunderschönes Restaurant, weitab von der Stadt auf dem Land. Ein Haus für wichtige Begegnungen, ein Haus für Verliebte. Ein wundervoller Sommerabend, das Kerzenlicht, der Wein, das traumhafte Essen, das heimlige Ambiente des Hauses, die feinen Gespräche und Gedanken über die Welt, über die Liebe, über uns - ich war sein, jetzt und hier, auf immer und ewig.

Tief in seinen Armen, verliebt den Kopf an seinen Schultern führte er mich hinaus. Hinaus in den Garten des Restaurants, mittendrin eine große alte Eiche mit einem mächtigen Stamm. Hier hielt er mich, hier küsste er mich. Er drückte mich mit dem Rücken an den Stamm, machte mir Komplimente, beteuerte mir seine Liebe. Seine Hände überall, dann an meinem Rock. Zentimeter für Zentimeter zog er ihn hoch. Er wollte mich in meinen Dessous sehen, Strumpfhalter, Nylonstrümpfe, Tanga. Das machte ihn verrückt, das war sein Fetisch. Seiner Finger überall. Am Nylonstrumpf, an den Strapsen, am Tanga, im Tanga. Immer nervöser, immer erregter. Er öffnete seine Hose, schob meinen Tanga zur Seite, hob mich am Po zu sich hoch, drang ein. Ich habe diese Augenblicke nie vergessen, werde sie nie vergessen. Ich war in meiner Liebe zu allem bereit, zu allem bereit, was er von mir wünschte. Und er fickte mich hier im Schutz der dicke Eiche, wir hörten unweit von uns Gäste das Restaurant betreten und verlassen. Seine Hände hielten mich immer noch an meinem Po hoch, ich klammerte mit beiden Armen um seinen Hals, im Rücken gab der Baum etwas Halt, so empfing ich Stoß um Stoß, ritt auf einer Welle der Glückseligkeit.

Nur Minuten später begann mein tiefer Fall.
Wieder im Auto, das Restaurant mit der großen Eiche noch ganz nah, sagte er fast beiläufig. "Ich bin verheiratet." Ich antwortete nichts. Wie sollte ich was sagen? In meinem Hals saß ein mächtiger Kloß, die Zunge schwer wie Blei. Die Gedanken im Wirbelsturm. Und plötzlich sah ich das Auge des Tornados. "Ich werde mich auf keinen Fall scheiden lassen. Wir müssen es so hinbekommen."

Kein Denken mehr, alle Gedanken setzen aus.
Kein Fühlen mehr.
Nur Kälte.
Eiseskälte durch eiskalte Worte.
Leere, wo gerade noch traumhafte Gefühle.

Er hielt an. Ab da sind meine Erinnerungen blaß. Ich stieg aus, rannte los, einfach los, irgendwo hin, egal wohin. Querfeldein in hochhackigen Schuhen, egal, hauptsache fort, weg, nur weg, irgendwohin, wo mir sein Auto nicht folgen kann. Ich weinte nicht.

Ich kam heim, irgendwie.
Ich heulte.
Ich verdunkelte alles, weinte und schrie.

Und meine Talfahrt begann.
Direkt von der Welle der Glückseligkeit hinab in die Tiefen der Existenz.
Ich setzte von nun an mein Leben in den Sand.
Tag für Tag immer mehr.


Hätt ich mein Leben nicht so
in den Sand gesetzt
Hätt ich dich nie
in der Wüste getroffen...
(Rosenstolz: In den Sand gesetzt)


Ich höre dich in der Küche hantieren.
Ich liebe dich.
Ich schreie einfach:
Ich liebe dich.
Vom Schlafzimmer zu dir in die Küche.

Du hast mich von meinem
Sockel gestoßen
Auseinander genommen
und neu aufgestellt...
(Rosenstolz: In den Sand gesetzt)


Weiß. Das ist der Abend für Weiß.
Der weiße Strumpfhalter,
der weiße Büstenhalter.
Weiße Nylonstrümpfe.
Schwarze Stöckelschuhe, hohe, dünne Absätze.
Sonst nichts.
Alles für dich.
Nur und immer für dich.
Keine Angst, keine Unsicherheit.
Ein Blick in deine Augen -
ich sehe Freude, Verlangen, Begierde und Liebe.
Vor allem Liebe.

Du nimmst mich, führst mich zum Spiegel.
Bleibst hinter mir stehen, streichelst mich.
Küsst meinen Nacken, streichelst meine Haare.
Schaue in den Spiegel, möchte nie wieder weg sehen.

Und jetzt stehn wir hier
Und staunen nur
Was das Leben mit uns macht
Du stehst vor, zwischen, hinter mir
Lass dich nie mehr gehn...
(Rosenstolz: In den Sand gesetzt)


------------------------------------------------------

Nachtrag:
Ich hatte lange, fast zu lange gebraucht,
um meinem Schatz von ihm zu erzählen.
Von ihm, der so viel Ähnlichkeit mit dir hat.
Erst am vergangenen Samstag hatte ich endlich den Mut dazu.
Jetzt kennt er meine ganze Geschichte.
Und ich bin froh.

Beide besitzen nur viel Ähnlichkeit.
Beide trennen Welten.

And when the night grew cold and dark
And worries ran to deep
Angels would surround my bed
And carry me off to sleep
We’d dance and sing all afternoon
And rain would wash my troubles away
Every wish would be granted for me
If I could be Queen for a day...

Blackmores Night: Queen for a day;
Album "Ghost of a Rose"


Bei meinem Schatz bin ich Königin.
Tag für Tag.

------------------------------------------------------


Liebe Grüße von
Laureen
Paulaline - 9. Feb, 23:23

Mir fehlen etwas die Worte. Und Du sagst ich sei stark? Du bist es! Es ist total mies, jemanden so etwas anzutun und es passiert leider ständig.
Ich dene nur, daß Du ein Mensch bist, der sehr starke Emotionen hat (Korrigiere mich, falls ich mich irre) und somit auch sehr schnell sehr tief fallen kannst. das muss die Hölle gewesen sein.

Gut, daß Du das jetzt hinter Dir hast und auch,daß es von der Seele ist und Du es Deinem Liebsten hast sagen können. Das nimmt ja doch den Druck weg und kräftigt Eure Liebe.

laureen - 11. Feb, 00:23

Liebe Paula

Ja, es ist genau so. Ich lebe Emotionen (oder umgekehrt ;-) ). Jede Situation versuche ich immer erst emotional zu erfassen, zu beurteilen, erst dann setzt das rationale Denken ein. So befinde ich mich stets wie in einer Achterbahn: entweder bergauf oder bergab. Deswegen habe ich auch oft diese große Sehnsucht, mich einfach fallen lassen zu dürfen. Und damit in der Achterbahn, wenn auch nur für Momente, zur Ruhe zu kommen.

Ja, du bist stark. Das spüre ich. Das weiß ich. Mache dir diese Stärke nur immer wieder bewußt.

Liebe Grüße von
Laureen
sanftberlin - 10. Feb, 07:08

Schön (?)

Ja, ein schöner Text. Und stellenweise traurig. Aber man merkt, dass es nur noch eine Erinnerung ist. Und etwas schönerem Platz gemacht hat.
Was hindert Männer daran, rechtzeitig zu sagen, dass sie vh sind? Ja, klar, ihre Chancen sinken. Was hatte er davon? Diesen Abend. Mehr nicht.
Sorry, aber manchmal verstehe ich "die" Männer nicht.
Hans

P.S.: auch vh... aber bekennend ;-)

laureen - 11. Feb, 00:27

Und das Schöne gibt dann die Kraft, die Vergangenheit zu überwinden. Das macht frei.

Liebe Grüße von
Laureen
schwarzer_wolf - 10. Feb, 17:16

ein wunderbarer eintrag ...

... ist das, liebe laureen! traurig an manchen stellen, ja - ich bin richtig wütend geworden auf diesen mann, als ich das las, wie deine gefühle auf einen schlag mit füßen getreten wurden ...

aber dein glück im jetzt und hier - das überstrahlt alles. ich find es sehr stark von dir, dass du deinem schatz nun alles erzählt hast :)

dessous-fetisch .... du inspirierst mich immer sehr mit deinen einträgen! ich selbst tu mich noch immer etwas schwer damit - da ist ein tiefverwurzelter mangel an selbstbewußtsein .. aus einer weit zurückliegenden vergangenheit ...

dabei wünscht es sich mein gefährte sehr ... und wenn ich dann in seine augen sehe, dann seh ich das gleiche, wie du bei deinem schatz. und das macht mir mut, gegen die schatten zu kämpfen.

alles liebe für dich :)

wolf

laureen - 11. Feb, 00:44

Lieber Wolf

Es ist schön, wenn ich von den bei dir empfangenen Inspirationen wieder etwas zurückgeben kann.

Und wenn ich dir weiter Mut geben kann, gegen die Schatten zu kämpfen, werde ich das versuchen.

Es hört sich vielleicht dusselig an, aber es ist so: Feine Dessous geben mir Selbstbewußtsein. Ich fühle mich wohl auf der Haut (das ist für mich ganz wichtig), ich fühle mich schön (fast im wahrsten Sinne des Wortes "fühle"). Dessous sind für mich Kleidung und Schmuck zugleich.

Liebe Grüße von
Laureen
secret place - 1. Apr, 14:45

ich hab glatt eine träne im auge jetzt, das ist so schon geschrieben...

laureen - 1. Apr, 18:55

Danke für deine lieben Worte.

Liebe Grüße von
Laureen
sextoday - 4. Feb, 12:48

Da wird man glatt neidisch. Gut, den ersten Teil deines Erlebnisses hab ich schon durch, aber auf den zweiten warte ich noch immer...

LG
SexToday

laureen - 13. Feb, 00:53

Ooops, jetzt musst du mir einen Tipp geben: auf welchen zweiten Teil?

Liebe Grüße von
Laureen

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