Freitag, 9. April 2010

Der, der dich lieben darf...

Mit der Nacht kam der Tod. Plötzlich war dieses unheimliche Zischen und Pfeifen in der Luft, dahinter dröhnten erst die Abschüsse, dann krachten die Einschläge. Die erste Welle traf den Eingang der Stadt, Sekunden später lag das Ziel bereits im Zentrum. Der Himmel verfärbte sich mit tödlichem Licht, darunter explodierten die Granaten feuerhell. Menschen schrien, schrien vor Angst, vor Entsetzen, schrien unter Schmerzen. Viele hasteten über die Straßen, suchten Schutz in Häusern mit starken Kellern. Maschinengewehre rasselten, jagten die Flüchtenden auf den Straßen. Zwischendrin immer wieder peitschende Schüsse der Scharfschützen.

Die Angst begann mich zu fressen. Sah den Tod in der Stadt wahllos um sich greifen, hörte die tödlichen Geschosse auf uns zu rasend. Lag im Dreck des riesigen Verteidigungsstandes, tief ausgehoben unter dem Zentrum, Soldaten duckten sich hinter Sandsäcken, wenn das unheimliche Zischen und Pfeifen der starken Geschosse die Luft erfüllte, drehten sich nach den Detonationen blitzschnell zu den Waffen in den Blickschächten und antworteten mit wilden Salven hinauf zu den nahen Berghängen. Dorthin, wo fast in jeder Nacht seit Beginn des jugoslawischen Bürgerkriegs der Gegner auftauchte um den Tod hinab in die kleine bosnische Stadt zu schicken.

Alles in mir war kalt, ich fror, zitterte vor Angst, fotografierte einfach hinaus, um irgendwas zu tun, krallte mich an meiner Kamera, suchte an ihr Halt, drückte und drückte immer wieder drauf. Sah im Sucher die hellen Blitze der Geschütze, die zuckenden Feuer der Mündungen von Maschinengewehren, tote Menschen in den Straßen, Verletzte, die um Hilfe schrien, nahm alles auf, drückte und drückte auf den Auslöser, fast wie im Wahn, dieses Tun garantiere mir das Leben.

Ihm brauchte ich nichts vormachen. Er sah es sofort. "Du hast Angst", sagte der Kommandant. Drehte mich um, drückte ab. Das Bild trage ich noch heute mit mir. Wenn irgendwann die Angst wieder in mir frißt, schaue ich ihn an, diesen Mann, frei von jedem Alter, mit den feinen Falten im Gesicht, dessen Augen kühn blitzen, dessen Mund so jugendlich verspielt lächelt. Wie er in dem Chaos von Tod und Gewalt sagt, was zu tun ist, Sanitäter hinaus zu den Verletzen schickt, gleichzeitig Geschütze donnern lässt, um die Sanitäter zu schützen, seine Soldaten auf riskante Aktionen in der Nacht vorbereitet, den Gegner immer wieder mit dem Fernrohr beobachtet und mir dabei Vorträge über das sinnlose Sterben in den Kriegen hält. "Zeige diesen Krieg da draußen, dafür habe ich dich holen lassen, nur dafür", und er zeigte hinaus zwischen den Sandsäcken über die Wälder und Berge. Dieser Kessel ist seine Welt, will beschützen, die hier noch leben, will noch retten, was er retten kann. "Da draußen", das ist für ihn bereits hinter den Bergen, irgendwo da muss der Frieden leben.

Spät in der Nacht traf ich sie zum ersten Mal. "Alisa", stellte der Kommandant die Vermummte vor. Eine dunkle Kapuze verhüllte ihr Gesicht, die Bluse schwarz, die Hose schwarz, schwarze, feine Handschuhe an den Fingern. Mit einem Ruck riss sie sich die Kapuze vom Kopf, zupfte schnell ihre kurzen Haare zurecht, nickte mir förmlich zu. "Scharfschützin, eine unserer Besten hier." Die Stimme des Kommandanten war voller Stolz. Alisa bringt den gezielten Tod. Ihre Hand liegt im ausgestreckten Arm ruhig wie ein Brett, ihr Auge ungetrübt, der Atem ruhig in jedem Augenblick. Wenn diese peitschenden Schüsse hörbar alles druchdringen, töten Schützen wie Alisa was sie im Zielfernrohr ihre Waffe erfassten.

Sie konterte meine fragenden Blicke sofort. Stellte sich mir gegenüber, aufrecht, kerzengerade, schaute mich auffordernd an, auffordernd mit der Frage "Was willst du?". Sie war jung, sie war schön, hohe, feine Wangen, ein Mund wie gemalt, aber diese dunklen braunen Augen blickten wie der Tod, kalt, durchdringend. "Keine Fotos von Alisa", sagte der Kommandant. Die Art ließ keinen Widerspruch zu. "Nur reden." Alisa trank Wasser und antwortete auf Fragen. Kein Wort ohne Frage. Erst belangloses, dann ideologisches über Krieg und Frieden, dann über ihr Gewehr, ihre Sicherheit beim Schuß, über ihre Aufgabe als Scharfschützin da draußen hoch oben in irgendeiner Ruine, Nacht für Nacht seit Wochen. Ja, sie habe getötet, viele, sagt sie, sehr viele, aber eine Liste, so wie andere Scharfschützen, führe sie nicht. Über sich selbst kein einziges Wort. Schweigen, nur Schweigen. Nur, dass sie da draussen sterben werde, sicher, ganz sicher in einer Nacht, in der der andere dort oben in den Bergen besser war, sie im Zielfernrohr erfasste, abdrückte und der peitschende Knall unüberhörbar alles übertönt.

Der Schlaf war kurz. Im Morgengrauen ging der Tod zurück hinter die Berge. Die Stände der Maschinengewehre geräumt, die Schafschützen ohne den Schutz der Dunkelheit irgendwo versteckt, aber die schweren Geschütze schickten noch immer vereinzelt Nachrichten vom Tod in die Stadt. Mit diesem Morgengrauen fiel ich übermüdet im flachen Schlaf. Zwei, drei Stunden, dann ging es hinaus in die Stadt. Der Kommandant ließ Tote bergen, nach Verletzten und Versteckten suchen, prüfte den schweren Schaden durch starke Geschütze. Wir liefen in kleinen Gruppen geduckt durch die Straßen, Schutz an Hauswänden suchend, Schutz vor Schützen da droben in den Bergen, die vielleicht aus ihren Verstecken kommen und uns dann wie scheues Wild durch die Straßen jagen und schießen.

Kaum ein Haus in der Stadt ohne Schaden. Einschußlöcher in Dächern und Wänden, manchen Häusern fehlten ganze Fronten und doch lebten in ihnen Menschen. Viele waren trotz des Krieges geblieben, klammerten sich an Heimat, klammerten sich an der Hoffnung, das Grauen hier zu überstehen. Jeder gab den Soldaten, obwohl sie doch selbst fast nichts mehr besaßen. Hier ein Schluck Wasser, da ein Kaffee, da ein Brot, sogar Schnaps wurde gereicht. Selbstgebrannter, feurig und scharf. Mittrinken, nur nicht nein sagen, nach der blutigen Nacht sind wir alle einander nahe, Fremde sind nur hinter den Bergen.

Alisa führte mich. Zielsicher schlich sie durch alle Häuserfronten, durch zerschossene Gärten, über Straßen mit tiefen Einschlägen. An jeder Ecke erst einmal sichernd, mit dem Gewehr im Anschlag. Sie brachte mich zu einer kleiner Kaffeebar. Hier saßen die Männer früher im Frieden am Tag vor der Tür, trinkend, redend, diskutierend - heute saßen sie auch im Freien, nur nicht vor der Tür, sondern in der Bar, überall lag Schutt, das Dach hing schief, die komplette Hausfront war zerstört.

Und dennoch gab es hier Kaffee, Espresso, Tee und Wasser und den Selbstgebrannten. "Sie macht Fotos für da draußen", stellte sie mich vor, drängte mich zu den Männern an einem Tisch, reichte mir einen Stuhl. Ich setze mich und sah die Hand, ich starrte, sah nur noch diese Hand voller Wunden und Narben. Als ich endlich hochschaute, stand der Mann auf, zog seine Jacke aus, öffnete sein Hemd. Die gleichen Wunden, die gleichen Narben überall an den Armen, auf dem Bauch auf dem Rücken.

Er holte mir einen Kaffee, setzte sich, sah mich lange schweigend an und begann plötzlich zu erzählen. Von seiner Familie, von dem Überfall am frühen Morgen, die Frau erschossen, die Kinder tot, er musste zusehen, wie sie alle mit dem eigenen Haus in die Luft gesprengt wurden. Sie verschleppten ihn in ein Lager zum Arbeiten und zum Quälen. Morgens, mittags, abends kamen sie, schlugen, quetschten, tränkten ihn. Gerauchte Zigarretten drückten sie an ihm aus. Auf den Händen, den Armen, dem Bauch, dem Rücken - überall auf seinem Körper. Er erzählte vom Überleben, von der Qual in seinem Kopf in den Gedanken an seiner Familie, er erzählte vom Tod, der ihn davon endlich erlösen wird. Er berichtete von der UN, die ihn eines Tages freikaufte, und das er, wenn hier in diesem Ort endlich wieder der Frieden herrscht, sich seinen Frieden selber nimmt. Aber diesen einen Tag, an dem das Kämpfen hier ein Ende hat, den will er noch erleben.

Noch einmal holte er mir einen Kaffee, setzte sich ganz nahe zu mir. Schaute mich erneut lange schweigend an, nahm ohne ein Wort mein Gesicht in seine Hände voller Narben und Wunden, streichelte über Haare, Wangen, Nase und Mund. Alle schauten zu uns hinüber und in die Stille sagte er zu mir: "Der Mann, der dich lieben darf, muss glücklich sein."

Tränen standen mir in Sekundenschnelle im Gesicht. Ich weinte, stand auf, umarmte diesen fremden Mann, drücke ihn, hielt ihn fest, lange fest, weinte an seiner Schulter, dankte mit einem Kuss auf seiner Wange. Zum Abschied von ihm eine Bitte, klingend wie ein Befehl: "Mädchen, fahre heim, heim zu dir nach hause, mache ihn glücklich."

Alisa brachte mich spät am Tag wieder zurück in den Gefechtsstand. Sie hatte kaum ein Wort mit mir geredet, nur Anweisungen meiner Sicherheit wegen, aber sie hatte immer zugehört wo auch immer ich sprach, sicherte mit dem Gewehr im Anschlag, wenn ich für Fotos zu viel wagte. Im Gefechtsstand holte sie uns etwas zu essen, setzte sich zu mir, kaute, sah mich an, und fragte mich unvermittelt mit nie von ihr gehörter weicher Stimme, ob ich das tun würde, um was mich der gequälte Mann hatte gebeten. Die Antwort wartete sie gar nicht ab, wollte gleich wissen, wer mein Freund sei, ob ich Bilder von ihm habe. Sie sah sie immer wieder an, eines nach dem anderen und wieder von vorn. Dabei viele Fragen, ob er lieb sei, wie er mich behandelt, wie er mit mir redet. Sie wollte alles wissen wie das ist, einen Mann zu lieben, von ganzem Herzen.

Jede Frage von mir hatte sie abgewehrt. Erst als sie sich schon wieder bereit gemacht hatte für den Tod in der Nacht, setzte sie sich noch einmal zu mir auf den Boden, Seite an Seite, trank einen Kaffee und begann zu erzählen. Von Träumen und Wünschen eines kleinen Mädchens, wie ich sie selbst gut kannte, von den Zielen einer jungen Frau, die bald hinaus in die Welt wollte, von den zerstörten Träumen durch den tobenden Krieg. Sie saß neben mir, blickte stur gerade aus, berichtete von den Männern die töteten, vertrieben, von Männern die sie verschleppten. Von dem Lager, in dem die Männer immer wieder kamen, zu jeder Stunde wann sie wollten, sie nahmen, sie vergewaltigten immer wieder, überall, sie demütigten. Immer wieder neue Männer. Viele Frauen wurden in dem Lager durch Vergewaltigungen schwanger. Alisa nicht. Irgendwann hatte sie eine Chance zur Flucht. Sie schlich, sie rannte, nur fort. Und dann, sagt sie, nickte dabei leicht mit dem Kopf in Richtung zum Kommandanten, kam ich zu ihm. Voller Wut, voller Rache, voll mit Gedanken, sie alle zu töten, die sie Stunde um Stunde nötigten. Und mit dieser ruhigen Hand, diesem klaren Auge. Sie tötet dort oben in den Ruinen in ihren Gedanken mit jedem peitschenden Schuß einen jener Männer, der sie gegen ihren Willen nahm. Sie stand auf, bereit wieder zu gehen hinaus in die Ruinen, drehte sich um und bat mich um ein Bild. "Gib mir ein Bild von deinem Freund, bitte."

Sie nahm es mit hinaus. Schwarze Kapuze über ihren Kopf, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze, feine Handschuhe. Endlos viele Patronen in Gurten, das Gewehr in der Hand. In den Bergen begannen die Geschütze zu trommeln, so wie in der vergangenen Nacht. Maschinengewehre ratterten pausenlos, Einschläge überall in der bereits zerstörten Stadt, wieder schrien überall Menschen und zwischendrin diese einzelnen peitschenden Schüsse der tödlichen Scharfschützen. Der Himmel in kurzen Abständen sekundenlang feuerhell, in dieser Nacht schossen sie rund um den Kessel tief in die Stadt. Wieder diese Angst, die Kälte, lähmende Kälte, klammerte mich erneut an die Kamera, drückte ab und drückte ab.

Ich hatte sie in dem Schlachtenlärm nicht gehört. Alisa war zurück, saß neben mir, klopfte mir auf die Schulter. Sie hielt das Bild in der Hand, fragte schüchtern, ob sie es behalten dürfe. Im Lärm des Kanonendonners erzählte sie, wie sie in dieser Nacht nicht schießen konnte. Wie sie ihn da oben genau im Visier hatte, genau auf der Schläfe. Gestern Nacht und er wäre tot gewesen. Heute ließ sie ihn leben. Sie sah statt des Kopfes im Visier nur das Bild mit meinem Freund, meinem liebenden Freund und hörte dabei immer diesen Satz des gequälten Mannes aus dem Café "Der dich lieben darf, muss glücklich sein". Sie konnte nicht abdrücken, sie wollte nicht mehr abdrücken.

Alisa nahm meine Hand, hielt sie fest. "Du musst heim. Sie bringen dich hier morgen raus. Mach ihn glücklich." Und sie sah mich an mit dunklen, wunderschönen braunen Augen. "Aber bitte, bitte nehme mich mit."

Liebe Grüße von
Laureen


Nachtrag: Alisa kam mit mir aus dem Kessel. Nach langer professioneller psychologischer Betreuung versuchte sie ein neues, selbständiges Leben. Sie hat heute eine Familie. Aber sie kann nach wie vor ohne Betreuung die Qualen und Demütigungen aus dem Lager nicht bewältigen.
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